Rosemarie Benedikt

Top of the Class
2013
Murano-Glas, Unikat
H 138,5 cm, B 41 cm
Monogrammiert und datiert: B. 2013

Rosemarie Benedikt: Amazing World

Sophie Zetter-Schwaiger

Seit nunmehr sechs Jahren beschäftigt sich Rosemarie Benedikt intensiv mit dem Werkstoff Glas. Die berühmte und über die Grenzen Österreichs hinaus erfolgreiche Keramik Künstlerin hat sich in der Gestaltung von Glasskulpturen einen lang gehegten Traum erfüllt. 2006 fuhr sie erstmals nach Murano, wo die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem bekannten Glasstudio Berengo unter Meister Danilo Zanella begann. Seitdem entstanden unzählige Glasskulpturen, die berühmten Nasenbären, Katzen, Vögel und Mischwesen, die in zwei repräsentativen Ausstellungen unserer Galerie ein breites Publikum  faszinieren konnten. Wurde den Porzellanfiguren – ob ihrer oft kleinen Formen von einigen als „bloßes Kunstgewerbe“ postuliert – nicht immer die verdiente Anerkennung zuteil, gelang der Künstlerin mit den Glasskulpturen ein regelrechter Durchbruch.

Glaskunst hat international im letzten Jahrzehnt eine große Aufwertung erfahren. „Dieser Bereich der Kunst, der traditioneller Weise in den USA oder in Japan große Wertschätzung findet, darf nun auch in Europa mit erhöhtem Interesse rechnen, indem eigene Museen dafür entstehen oder besondere Abteilungen in Museen gegründet werden.“ Rosemarie Benedikt „wagt“ sich mithilfe des Glasmeisters nun an große Formen, zum Teil sogar überlebensgroße Skulpturen, wie in den beeindruckenden Stelen. Unzählige Zeichnungen, in denen sich die überbordende Kreativität der 74- jährigen Künstlerin manifestiert, stehen am Beginn des Entstehungsprozesses. Aus diesen muss ausgewählt werden, was ob der faszinierenden Vielfalt schwer fällt. Danach übergibt die Künstlerin ihre Schöpfungen wortwörtlich in die Hände des Maestros. In enger Zusammenarbeit und zum Teil unter hitzigen Diskussionen werden die Farben bestimmt, ob transparent oder opak, die Größen und Formen besprochen und ornamentale Details wie die Murinen ausgewählt. Während des Entstehungsprozesses, der auf Grund des flüssigen Glases schnell und zügig von statten gehen muss und nicht nur ein großes Können, sondern auch eine unglaubliche physische Kraft erfordert, wird ständig korrigiert und besprochen. Nicht selten verweigert die auf Perfektion bedachte Künstlerin ihre Zustimmung zu Objekten –  die realen Farben sind erst nach der Abkühlungsphase zu erkennen –  und scheinbar fertige Skulpturen müssen vernichtet werden.

Das faszinierende Werk von Rosemarie Benedikt ist seit jeher von einem schier unerschöpflichen Ideen-, Formen- und Farbreichtum gekennzeichnet. Nasenbären, Katzen, Fische und Phantasiewesen türmen und stapeln sich übereinander. Katzenschwänze werden zu Schlangen, Fische durchbohren Katzen und Katzenohren mutieren zu Fischen. Allen voran der Nasenbär, schon lange zum Markenzeichen der Künstlerin avanciert, der sich in den unterschiedlichsten Farben und Mustern als Konstante in ihrem Oeuvre zeigt.

Die neuesten Arbeiten der Künstlerin markieren einerseits einen Bruch in ihrem die letzten Jahrzehnte beibehaltenen und bewährten Formenkanon und schlagen andererseits eine Brücke zu den Figuren der 1970er Jahre. Plötzlich tauchen Insekten – von Rosemarie Benedikt seit mehr als 30 Jahren nicht mehr thematisiert – als Leitmotiv dieses Werkzyklus auf. Ameisen, Bienen, Libellen und Schmetterlinge faszinieren gleichermaßen durch ihre naive-einfache Formgebung und die charakteristische, humorvolle Ausführung. Die Ameise, seit jeher ein beliebtes Motiv für zeitgenössische Künstler, man denke an die Bilder von Peter Kogler oder die großen Bronzeameisen von Kiki Kogelnik, scheint ob ihrer interessanten Physiognomie – der in vier runde Formen geteilte Körper mit den langen Beinen – ein fesselndes Darstellungsobjekt zu sein. „Insekten inspirieren mich immer, weil sie formal so toll sind.“ Rosemarie Benedikts Ameisen besitzen zwar die charakteristische, naturgetreue Form, werden aber durch ihre phantasievollen, gläsernen Farbmuster und die ausdrucksstarken und humorvollen Gesichter zu eigenständigen, typischen „Benediktwesen“. Mit freundlichen Augen und einem breiten Lächeln strahlen uns diese witzigen Krabbeltiere, die auf hauchdünnen Glasfüßen stehen, direkt an und zaubern dem Betrachter nicht selten ein Lächeln ins Gesicht. Man will sie aber nicht nur von allen Seiten betrachten, sondern regelrecht ertasten. Die haptische Anziehung dieser Objekte ist groß. Wie auch die Nasenbären laden sie dazu ein, über die glatte Glasoberfläche zu streichen, um die Form nicht nur optisch, sondern auch taktil zu erfassen. Der Künstlerin ist mit den Ameisen fürwahr ein genialer Wurf gelungen.

Neben der Verfremdung des Naturvorbildes durch phantasievolle Muster und leuchtende Farben werden die Skulpturen auf Grund der extremen Vergrößerung – die Ameisen sind zwischen 20 und 50 cm lang – noch präsenter und eindringlicher. Ihre formale und inhaltliche Steigerung erreichen diese Arbeiten in den überlebensgroßen Stelen, wo die Tiere auf blauen Ästen in den Himmel zu klettern scheinen. In ihrer raumdurchdringenden Gestaltung – die Ameisen umrunden die blaue vegetative Grundform regelrecht – versteht sich das in die Höhestreben dieser Werke als dominierendes Element. Die intensive Auseinandersetzung mit den Totemstelen der Indianer, denen Rosemarie Benedikt unter anderem im berühmten Freilichtmuseum in Vancouver begegnet ist, spielt hierbei eine wichtige Rolle. „Jeder Klan hat seine eigene Totemstele mit Tieren gehabt, die eine Beschützerfunktion innehatten.“ Diese archaischen, stark farbigen und von Tierköpfen beseelten Skulpturen der Indianer, die sich oft über einige Meter in den Himmel strecken, beeindruckten die Künstlerin stark. „Die Idee oder der Wunsch, auch in meiner Welt eine Stele zu kreieren war schon lange vorhanden.“ Die Zusammenarbeit mit dem venezianischen Glasmeister ermöglichte ihr nun, diese Ideen in beeindruckender Weise umzusetzen. Nicht nur Ameisen, sondern auch Elefanten und ihre charakteristischen „Glass Birds“, die an die berühmten Pulcini (Küken) eines Alessandro Pianon aus den 1960er Jahren erinnern, werden auf faszinierende Weise über- und ineinander geschichtet.

Den Abschluss der Ausstellung bildet eine gänzlich neue Werkgruppe von neun Köpfen, die allesamt als Unikate entworfen wurden. Die Künstlerin wagt sich hier scheinbar auf heikles Terrain, gibt es bei dieser Thematik doch zahlreiche berühmte Vorbilder, wie nicht zuletzt jene heute weltberühmten „Venetian Heads“ von Kiki Kogelnik, die sogar im selben Glasstudio in Murano entstanden sind. Rosemarie Benedikt findet aber auch hier zu völlig eigenständigen Lösungen, wobei die runden, beinahe naiv anmutenden, menschlichen Gesichter von animalischen Formen und Wesen begrenzt werden. So besitzen „Ruby hair“ und „Emerald thought“ statt einer gläsernen Haarpracht Fische, die sich anstelle der Locken über ihren Kopf legen. Andere Skulpturen wiederum werden von einer Ameise und einem kleinen roten Vogel gekrönt oder es türmen sich gar Nasenbär, Vogel und Fisch in starker Schieflage über deren Haupt.

Rosemarie Benedikt scheint mit dieser Ausstellung am Höhepunkt ihres skulpturalen Schaffens angekommen. Es ist ihr nicht nur gelungen, die bereits bestehenden Ideen und Entwürfe konsequent weiterzuentwickeln, sondern sie hat mit den neuen Werkgruppen der Insekten und Köpfe faszinierende Objekte geschaffen, die in ihrer inhaltlichen und formalen Präsenz ungemein zu beeindrucken vermögen. Die Skulpturen zeichnen sich durch ihre Einzigartigkeit und die charakteristische, manierierte und humorvolle Ausstrahlung aus und entführen uns fürwahr in die „Amazing World“ der Rosemarie Benedikt.