Schüttbild und Relikt 1975/2018 (Überschüttung)
Relikt aus der 50. Aktion, Prinzendorf 1975
Acryl, Blut auf Stoff
235 x 150 cm
Signiert und datiert rechts unten: nitsch 1975
Rückseitig signiert und datiert: nitsch überarbeitet 2018
Rückseitig Archivbezeichnung: ANNA_1975
Provenienz
Privatsammlung Wien-Dubai
Literatur
Vgl.: Nitsch. eine retrospektive, Ausstellungskatalog, Sammlung Essl, Klosterneuburg 2003/2004, Abb. S. 110 ff., S. 206 f.
Weitere Informationen
„1959 bekam ich kontakt mit der informellen malerei (pollock, franz kline, de kooning, sam francis). ich begriff sofort, diese maler wollten das gleiche, was ich durch mein theater wollte. nichts anderes, als sinnlich-erregende vorgänge wurden direkt zur anschauung gebracht. nichts mehr wurde dargestellt, abgebildet. der malvorgang selbst, der sich in der zeit ereignende produktionsvorgang wurde wesentlich.“ (Hermann Nitsch)
Mit seinen Schüttbildern treibt Hermann Nitsch die Techniken des Informel und des Action Painting auf die Spitze. Noch mehr als bei Jackson Pollocks und Sam Francis‘ Drip-Painting-Verfahren geht es bei diesem aktionistischen Malprozess – gestisches Schütten, Spritzen, Rinnenlassen und Verreiben von Ölfarbe, Blut und später Acryl – um die komplette Abgabe von Kontrolle und erlernter Rationalität. Ein Meilenstein für diese revolutionäre Kunstauffassung ist die legendäre Aktion „Die Blutorgel“ 1962 (gemeinsam mit Otto Muehl und Adolf Frohner), bei der der Künstler erstmals Blut als Malmittel etabliert. Der breitere Kontext dieses „Kunstwollens“ ist im Wiener Aktionismus als Provokation der kulturkonservativen Nachkriegsgesellschaft Österreichs verankert. Hermann Nitsch reagiert mit einer Kunstauffassung, die bewusst gesellschaftliche Tabus wie Blut, Leiden, Tod und Sexualität bricht. Beeinflusst von Sigmund Freuds Psychoanalyse, Friedrich Nietzsches Philosophie und antiken Mysterienfesten entwickelt er ein „dramaturgisches Abreaktionsmodell“ , das durch eine dionysische Katharsis unterdrückte Triebe befreien soll. Die Schüttbilder sind hier ein zentrales Medium, Ausdruck und Relikte dieser „Befreiungsaktionen“ und ein integraler Bestandteil seines Orgien Mysterien (O.M.) Theaters .
Im Jahr 1975 findet die 50. Aktion des O.M. Theaters statt, erstmalig eine 24-stündige Performance – von Sonnenaufgang zu Sonnenaufgang – im Schloss Prinzendorf, Niederösterreich, das Hermann Nitsch 1971 erworben hatte. Diese Aktion vom 26. bis 27. Juli ist – mit zahlreichen Akteuerinnen und Akteuren, einem Orchester, einer Beatgruppe und Filmaufnahmen von Christian Ludwig Attersee und Oswald Wiener – eine spektakuläre Weiterentwicklung seiner früheren Aktionen, die oft in kleineren Räumen stattfanden und ernste Konflikte mit Behörden auslösten. In Prinzendorf kann Hermann Nitsch seine Vision eines synästhetischen Festes, das alle Sinne anspricht, frei entfalten. Die Aktion umfasst rituelle Handlungen mit Tierkadavern, Blut und Eingeweiden, begleitet von Musik, Tanz und Malaktionen. Auch Marina Abramović nimmt an dieser Performance teil, was die internationale Relevanz dieser Veranstaltung unterstreicht. Neben sakral anmutenden reliktartigen Gewändern, Fotos und Videos, sind es die im Rahmen dieser Aktionen entstandenen Leinwandbilder, die gleichsam als gefrorener Zustand der Aktion verstanden werden können. Dabei spielt die Farbe Rot eine zentrale Rolle, sie steht für Leben und Tod gleichermaßen, als Farbe des Bluts für Leid und Schmerz, aber auch für den Ursprung und die Essenz des Lebens. Dieses Rot lässt Hermann Nitsch von der Oberkante der an den Wänden aneinandergereihten Leinwände fließen, tropfen und verdicken. Diese Aktionsmalerei ist „die visuelle grammatik... des o(rgien). m(ysterien). theaters auf einer bildfläche“ .
Hermann Nitsch gilt mit Werken wie nebenstehendem bedeutenden frühen Schüttbild dieser so wichtigen 50. Malaktion lange als „enfant terrible“ der österreichischen Kunstszene. Heute ist seine zentrale und wegweisende Rolle als Initiator des Wiener Aktionismus – gemeinsam mit Günter Brus, Otto Muehl und Rudolf Schwarzkogler – in der internationalen Kunstszene unumstritten.
